Pilot-Projekt

Führungskräfte und Entscheider sind bestens ausgebildet, dennoch passieren ihnen Fehler. Um Kommunikation und Teamintelligenz zu verbessern, gehen einige bei Flugkapitänen in die „Lehre“. Das könnte auch im Motorsport Schule machen

Im Cockpit eines Airbus auf einem Linienflug von Hamburg nach München: Beim Start, kurz vor dem Abheben, springt die Feuerwarnung für ein Triebwerk an. Lautes Klingeln, eine große, rot blinkende Leuchte über den Köpfen der Crew und Alarmmeldungen auf den Monitoren. All das erscheint im ersten Augenblick sehr dringend. „Doch was ist jetzt der richtige nächste Schritt?“, fragt Thomas Fengler und schaut in ratlose Gesichter. Die Teilnehmer seines Seminars schweigen, also gibt sich Fengler auch an diesem Vormittag die Antwort selbst: „Fliege zuerst das Flugzeug – First fly the aircraft! Ist doch klar, denken Sie? Nein, in dem Moment ist das der menschlichen Psyche nicht klar.“

Thomas Fengler weiß, wovon er spricht. Bringt der Hamburger Unternehmer doch 30 Jahre Berufserfahrung als Pilot und Flugkapitän bei Verkehrs- und Business-Airlines mit. Seit vier Jahren arbeitet der 56-Jährige mit seinem außergewöhnlichen Coachingprogramm „Im Cockpit“ in einem professionellen Airline-Simulator in Bremen und Hamburg als Trainer für Führungskräfte. Die Entscheider-Teams stammen aus Medizin, Politik, Wirtschaft. „Genau wie in der simulierten Situation sind viele Unglücke in der Luftfahrt passiert, weil in einem solchen Moment intuitiv keiner mehr das Flugzeug fliegt“, sagt Fengler.

Entscheidungsfindung unter Stress bestimme unseren Alltag. Die Trainingsprogramme Crew Resource Management (CRM) und FOR-DEC – für Flugzeugcrews in den 1980er-Jahren in Deutschland entwickelt – gelten mittlerweile weltweit als führende Methode zur Entscheidungsfindung unter Druck. Nicht nur in Airline-Cockpits, sondern auch in Management Boards. „FOR-DEC steht dabei für eine Situationsanalyse mit Facts, Options und Risks sowie einen Entscheidungsprozess mit Decision, Execution und abschließendem Check“, erklärt Fengler. „Vermieden werden sollen damit vorschnelle Impulse aus dem Bauch heraus und Gefühlseinflüsse.“ Darüber hinaus gehe es darum, sich als Team zu formieren und immer mehr zusammenzuwachsen. „Einer allein kann schwierige Anforderungen nicht bewältigen“, sagt Fengler bestimmt. „Ein Teamleiter hat eine leitende, aber keine operative Funktion.“ Das verstünden die Teilnehmer seiner Seminare sehr schnell, deshalb sei auch noch keine der Trainings-Crews abgestürzt. Denn ja, auch im Simulator ist ein Absturz möglich.

„Ein Team kann erst als Team funktionieren, wenn einige wichtige Elemente unter den Teammitgliedern geklärt sind“, sagt Fengler, der auch Bootskommandant bei der Marine war und Unternehmen mit bis zu 500 Mitarbeitern leitete. Es gehe um die richtige Kommunikation, um Vertrauen, konstruktives Fehlermanagement, Sanktionsfreiheit und um das Wohlwollen seinen Mitarbeitern gegenüber. „Fehler gelten oft als Schande, als unverzeihliches Anzeichen persönlicher Unzulänglichkeit oder als Versagen“, sagt Fengler. „Sie sollten jedoch als Teil des menschlichen Handelns akzeptiert werden.“ Werde ein Pilot auf einen Fehler hingewiesen, rechtfertige er sich nicht, sondern gebe einfach ein „Danke“ zurück. Das sei der Vierdienst von CRM und FOR-DEC – die Methode auch auf andere Branchen zu übertragen, findet Fengler daher nur naheliegend.

Auch für Piloten und Rennteams im Motorsport könnte das Coaching Schule machen. Vor Einführung des CRM-Konzeptes stellten Unfalluntersucher immer wieder fest, dass die Flugzeugführer zwar einwandfreie technische und fliegerische Fähigkeiten besaßen, aber die Zusammenarbeit zwischen dem Kapitän und dem rangniedrigeren Ersten Offizier oft mangelhaft war. Mit Verweis auf seine höhere Anzahl von Dienstjahren und seine Autorität bügelte der Flugkapitän bei vielen Unfällen Bedenken seines Teamkollegen ab und hielt an seinen Entscheidungen fest. Ebenso führte der fehlende Wille, Entscheidungen zu treffen und Aufgaben zu delegieren, zu Unfällen. Ganz ähnliche Szenen könnten sich in Motorsport-Teams oder bei Rennsportveranstaltungen abspielen. Fengler: „Die Ursache für folgenschwere Fehler­ sind oft unvorstellbar banal und gerade deshalb durch antrainierte Verhaltensmuster und Regeln nach dem CRM leicht zu vermeiden.“

Text: Nicole Thesen (Zimmermann Editorial)

Firma: Im Cockpit

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