Vom Weserbergland in die Welt

Einst fuhren Rennpiloten mit Lederhaube und Fliegerbrille. Die 1970er-Jahre brachten erstmals feuerfeste Rennoveralls. Heutige Anzüge sind High-Tech-Objekte – wie die der Firma Bebek.

Woher der Name Bevern stammt, ist unter Sprachforschern umstritten. Entweder ist der Flecken im Weserbergland nach Bibern benannt, die hier ihre Dämme bauten. Oder das Wort kommt von „beben“, „zittern“. Letzteres würde besser zu den Produkten passen, die in Bevern seit 35 Jahren designt, genäht und bestickt werden: Rennanzüge für den Motorsport. Auch die Firma, die sie produziert, trägt das donnernde Beben im Namen, das Fahrer und Anzüge im Cockpit eines Rennwagens aushalten müssen: Bebek, eine Abkürzung der Begriffe Bevern und Bekleidung.

„Angefangen haben wir mit Damenoberbekleidung“, sagt Klaus Otte, der mit seinen Rennanzügen auch den Bilster Berg von Beginn an beliefert. Anfang der 1980er Jahre beschäftigte seine Firma 60 Mitarbeiter. 10.000 bis 15.000 Röcke und Hosen wurden im kleinen Bevern jeden Monat produziert. Dann schlug die Globalisierung in der Modeindustrie durch. Arbeitsplätze wanderten nach Asien ab, und der gelernte Designer und Bekleidungsingenieur Otte verkleinerte seine Damenmode-Produktion immer mehr. „Am Ende mussten wir den Laden schließen“, sagt der 72-Jährige nicht ohne Bitterkeit. Und das bei der Familientradition: Schon Ottes Urgroßvater hatte eine Schneiderei.

Doch dann kam ihnen die Idee mit den Rennanzügen. Auf der Suche nach neuen Märkten lesen sich Otte und seine Frau in die Sicherheits-Vorgaben ein, die der Weltverband FIA für Rennanzüge hat. Sie lassen sich feuerfeste Materialien kommen und entwerfen Schnittmuster. Mitte der Achtziger entstehen die ersten Overalls in ihrer kleinen Fabrik.

Ihre ersten Stücke verkauften die Unternehmer aus dem Kofferraum. „Wir haben ein großes, zehn Meter langes Wohnmobil gekauft und sind damit an Rennstrecken gefahren“, erinnern sie sich. Die handgefertigten Maßanzüge, auf die sich Kunden nach Wunsch Logos und Werbung sticken lassen können, kommen an in der Szene.

„Striezel Stuck, Klaus Ludwig, Harald Grohs, Leopold Prinz von Bayern und viele andere haben wir beliefert“, sagt Otte. 1985 buchen mit Porsche und AMG erste Hersteller Anzüge bei Bebek Racewear, wie die Firma nun heißt. Später liefern Ottes auch VW-Piloten Anzüge für die Ralley Dakar, den Scirocco-Cup und den Polo-Cup. Auch BMW, die DTM und der legendäre John Winter ordern maßgeschneiderte Overalls „Made in Bevern“.

Ein guter Rennanzug müsse vor allem eins sein, sagt Klaus Otte: „Feuerfest.“ Deshalb bestehen Rennanzüge meist aus drei Lagen: „Lassen wir eine Lage weg, haben Sie 30 Prozent weniger Sicherheit, weil die Hitze schneller auf die Haut übertragen wird.“ Das Gewebe selbst besteht aus Aramid-Fasern: aus Stoffen also, die schwer entflammbar sind und wenig Hitze weiterleiten. „Um den Hitzetransfer zu bremsen, brauchen Sie Lufteinschlüsse“, erklärt Otte. Deshalb haben die Anzüge ein Gewicht zwischen 300 und 320 Gramm pro Quadratmeter. Ein guter Overall kann auf diese Weise 15 Sekunden und mehr den Flammen standhalten.

Um die sogenannte Dochtwirkung zu vermeiden, nutzen die Hersteller einen anderen Trick, verrät Otte: „Für die äußere Lage nehmen wir glänzendes Material, das sich weniger schnell mit Feuchtigkeit vollsaugt als die Wirkware, die wir innen nutzen.“ Benzin, das bei einem Unfall womöglich austritt, kann so nicht in den Anzug einsickern. „Ganz luftdicht und feuchtigkeitsabweisend können wir allerdings den Overall auch nicht machen, sonst würde man darin ziemlich schwitzen.“

Die Firma Bebek produziert heute ein paar Hundert Rennanzüge im Jahr: alles Maßanfertigungen. Kosten: je nach Ausstattung für 1.300 bis 2.500 Euro pro Stück. Die Overalls gehen nicht nur an den 40 Kilometer entfernten Bilster Berg. Aufträge kämen auch aus ganz Europa, Australien und Amerika, sagt Otte. An den ganz großen Rennzirkus, die Formel 1, liefern die Beveraner jedoch nichts: Da sei es inzwischen üblich, dass die Hersteller ihre Anzüge aus Marketinggründen an die Rennteams verschenken, sagt Otte. „Wir sind nicht bereit, unsere Produkte zum Nulltarif abzugeben.“

Text: Nicole Thesen  (Zimmermann Editorial)

Firma: Bebek Racewear

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